17.03.2017 / 1. Herren

Olli's Nachbetrachtung zum Spiel gegen Eisern Union

Olli's Nachbetrachtung im Zeitungsstil

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Kleine Hertha“ ganz groß

Zehlendorfer imponieren / Gakpeto zu früh beim Turnfest

Reifere Zehlendorfer Fußballfreunde könnten nach der gestrigen Freundschaftsbegegnung und dem 3:2-Erfolg der „kleinen Hertha“ gegen den 1. FC Union Berlin, immerhin Tabellenzweiter der 2. Bundesliga, zu folgendem Schluss kommen: Den „Eisernen“ kann im Aufstiegskampf eigentlich nicht mehr viel passieren, der Weg ins Oberhaus ist frei. Schließlich gelang den Zehlendorfern schon einmal ein ähnlicher Überraschungscoup mit im Anschluss positiven Folgen für den unterlegenen Kontrahenten. Am 19. November 1969 schlug der damalige Regionalligist die „große Hertha“ an der legendären Plumpe glatt mit 4:1. Wenige Tage später gelang dem Bundesligisten nicht nur mit einem 3:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern eine beeindruckende Wiedergutmachung, am Ende der Spielzeit wurde mit dem Einzug in den UEFA-Cup (3. Platz) auch das Saisonziel erreicht.

Doch soweit ist es noch nicht. Zuerst einmal war Unions Trainer Jens Keller maßlos enttäuscht: „Das habe ich mir anders vorgestellt. Es war von allen zu wenig.“ Natürlich hatte er nicht seine erste Garde aufgestellt, fehlten mit Kroos, Kreilach, Polter, Trimmel, Leistner und Hedlund hochklassige Akteure. Und doch schickte er eine mit namhaften Profis besetzte Truppe auf den Rasen, die auch den Beginn der Partie bestimmte.

In den ersten Minuten stand, wen wundert's, die Abwehr des Berliner Oberligisten auf dem Prüfstand – und natürlich ihr Torhüter, Eric Günther. Der junge 19-jährige Schlussmann, erstmals vor einer für Zehlendorfer Verhältnisse größeren Kulisse (1.194 Zahlende) im Mittelpunkt stehend, machte seine Sache großartig – wie im zweiten Abschnitt übrigens auch Paul Gärtner, ebenso erst 20 Jahre alt, der seine größte Tat in der 72. Minute vollbrachte, als er einen Schönheim-Knaller spät sah und dennoch reaktionsschnell um den Pfosten drehte. Erstaunlich, welche (zumindest äußerliche) Ruhe die beiden Jungen ausstrahlten. Auf dieser Position scheinen die Zehlendorfer gut besetzt zu sein, zumal sie auf ihre etatmäßige Nummer Eins (Nico Hinz) verletzungsbedingt noch verzichten müssen.

Nach und nach fasste der Oberligist etwas Mut, mit jeder gelungenen Aktion, mit jedem gewonnenen Zweikampf stieg das Selbstvertrauen. Das war wichtig, gerade nach der 0:2-Niederlage vom vergangenen Sonntag gegen Grün-Weiss Brieselang. Offensichtlich kam dieser attraktive Test genau zum richtigen Zeitpunkt, hatte man doch nichts zu verlieren, vor einer stimmungsvollen Kulisse aber viele Sympathien zu gewinnen. Wie ihnen das gelungen ist, machte Eindruck.

So fiel die Führung kurz vor dem Wechsel zwar nicht folgerichtig, kam aber auch nicht völlig überraschend. Jian Schleiffs Eingabe von der rechten Seite (nach Traumpass von „Maxi“ Obst) lenkte Unions Abwehrspieler Kessel unglücklich ins eigene Tor (41.). Wenig später hätte ein von Schleiff fast perfekt getretener Freistoß beinahe zum nächsten Treffer geführt, doch Gspurning (Unions etatmäßig dritter Torhüter) tat es seinen Zehlendorfer Kollegen gleich und verhinderte mit einer großartigen Parade das 0:2 aus Sicht des Zweitligisten.

Zu Schleiff: In der ersten Halbzeit zunächst stabil (mit den Höhepunkten gegen Ende des ersten Abschnitts schon auffällig), krönte er in der zweiten Hälfte einen nahezu fehlerlosen Auftritt. Im Abwehrverhalten stark, schaltete er sich immer nach vorn ein, wenn sich die Möglichkeit dazu bot. Aus unserer Sicht war das der stärkste Schleiff, den wir je sahen. Dass dem Journalismus-Studenten das Lob zu Kopf steigen könnte, scheint nicht zu befürchten.

Überhaupt machte die Defensive (immer unter Berücksichtigung der Qualität des Kontrahenten) einen gefestigten Eindruck. Erdal Özdal knüpfte ebenso an seine guten Leistungen der Rückserie an wie Burak Mentes, und Lukas Binting lieferte einen unerschrockenen Part als ginge es wöchentlich gegen Zweitligisten.

Im Mittelfeld verdienten sich Darius Niroumand, Obst und Niclas Warwel Kilometergeld, Rici Bokake-Befonga zeigte sich mutig im Zweikampf und wenn Mike Ryberg mit seiner Schnelligkeit die Außenlinie entlang preschte, ging ein Raunen durchs Stadion, waren selbst Unioner beeindruckt.

Den schwersten Stand hatte vorn im Zentrum naturgemäß Faton Ademi. Doch Zehlendorfs Stürmer ließ sich trotz (vermeintlicher) Aussichtslosigkeit allein auf weiter Flur nicht entmutigen. Die Belohnung, nicht aufgesteckt zu haben, folgte prompt. Die „Eisernen“ schienen die Partie durch Tore von Nikci (53.) und Thiel (74.) gerade gedreht zu haben, da schlug Zehlendorfs Torjäger zurück. Vom eingewechselten Marc Zellner wunderbar steil geschickt, setzte er sich wie eine „Dampframme“ durch, verlud noch Schlussmann Gspurning und vollendete zum 2:2 (80.). Die ganze Art und Weise, wie sich der bullige Stürmer durchsetzte, dabei noch den Torwart umkurvte, erinnerte die älteren Berliner Zuschauer an den Ex-Tennis-Borussen (einst auch Berlins Fußballliebling) Benny Wendt, der die Bundesligatorhüter in Angst und Schrecken versetzte.

Dem guten „Effi“ Gakpeto scheint vor dem Spiel niemand verraten zu haben, dass das Turnfest 2017 erst im Juni in Berlin stattfindet. Er schloss eine Kombination ab, an der beinahe alle Einwechselspieler beteiligt waren: Über Zellner, Felix Robrecht und Ademi kam das Leder zu Gakpeto, der dieses Mal keinen Schnörkel zu viel machte und eiskalt zum 3:2-Endstand traf. Waren die zahlreichen Zehlendorfer Zuschauer ob des Treffers schon „aus dem Häuschen“ so verzückte sie der Torschütze noch mit einem lupenreinen Rückwärtssalto. Doch wie schon geschrieben: Turnfest erst im Juni.

Zum guten Ende kamen noch zwei erfreuliche Nachrichten hinzu: Die spät eingewechselten Samuel Agyei-Yeboah und Innenverteidiger Robert Schröder scheinen ihre (verletzungsbedingte) Leidenszeit überstanden zu haben. Alexander Arsovic und Robert Pocrnic wird’s freuen, sind doch Alternativen gerade für den kommenden Sonntag gegen Lichtenberg vonnöten, müssen die Zehlendorfer doch neben Carl Hopprich (Knie) auf Özdal und Ryberg (gelb-rot gesperrt) verzichten. Erstaunlich in welch guter körperlicher Verfassung sich gerade Schröder nach so langer Pause präsentierte.

Natürlich muss man den Erfolg richtig einordnen, dafür wird das Trainer-Duo schon sorgen. Welche Wertigkeit so eine Begegnung für Mannschaften hat, konnte man gestern nach den Torerfolgen beobachten. Während die Unioner ihre Treffer zur Kenntnis nahmen, feierten die Zehlendorfer überschwenglich. Das ist beides nicht verwerflich, sondern ganz natürlich. Der Zweitligist stand vor einer Pflichtaufgabe, für den Klassentieferen war es ein Ereignis. Und dennoch war es erstaunlich, wie sich der Oberligist präsentierte.

Was es so wertvoll machte: Entgegen allen Erwartungen hatten die Zehlendorfer kaum weniger (eher mehr) Fans als Union auf die Beine gestellt. Und die haben durchaus Gefallen an ihrer Mannschaft gefunden. Dass am Siebenendenweg guter Fußball geboten wird, sollten nun auch die „Einheimischen“ mitbekommen haben. Das ist fast noch wichtiger als das Resultat (obwohl ein positives Erlebnis natürlich hilft).

Die Unioner dagegen haben mit ihrem Auftreten dafür gesorgt, dass es wie im Vorjahr ein (zumindest aus Zehlendorfer Sicht) toller Fußballabend wurde. Das faire und freundliche Verhalten der Fans ist am Siebenendeweg gut angekommen. Über eine Fortsetzung im nächsten Jahr hätten alle Zehlendorfer Verantwortlichen nichts einzuwänden. Und zum Resultat aus Unioner Sicht: Siehe oben. Mit dem anvisierten (und so erhofften) Aufstieg kann eigentlich nichts mehr schief gehen - auch wenn Trainer Jens Keller das (nicht ganz ernst gemeinte Orakel) zu diesem frühen Zeitpunkt sicher nicht gern hört.